Von Manuel de Roo
für vier Vokalsoli, E-Gitarre und Schlagwerk -
frei nach dem gleichnamigen Gedicht von Christian Morgenstern.
Kein Text, den ich als reine Einbildung verstehe, hat mich je so tief
berührt und betroffen gemacht wie Die Apokalytischen Reiter von
Christian Morgenstern. Auch mir kommen vielerlei Gedanken, wenn ich
meinen Instrumenten neue Saiten aufziehe, aber solche eindrucksvollen
Bilder von einem Zustand der Welt sind es nie.
Umsomehr habe ich dem Dichter gerne versucht zu folgen so gut ich
konnte, mir selbst eine Vorstellung bildend, um diese dann mit der
allgemeinen Realität in Verbindung zu bringen, wie ich sie
wahrnehme. Ich war überrascht, erstaunt, erschrocken. Ich sah
mich unmittelbar zur Notwendigkeit gedrängt, diesen Text in
musikalischer Art zum Erklingen zu bringen. Hier kam die Bitte von
Herbert Grassl von der Internationalen Paul Hofhaymer Gesellschaft um
eine Komposition wie eine zufällige glückliche
Bestätigung oder eine vorhergesehene Ermutigung, diese
empfundenen Notwendigkeit auch zur Tat zu führen. Ein Grund
für große Dankbarkeit.
Sich eine innere Vorstellung bilden: ein Vorgang von gefühlten
Sekunden oder erlebten Monaten. Die Betroffenheit, die der Text in mir
auslöste, führte mich ganz eminent auf mich selbst als
Subjekt zurück und zwang mich dazu, von vorherigen Gedanken oder
gar festgelegten Plänen für eine Form des Stücks
Abstand zu nehmen. Mich gleich in die Arbeit werfen und mich dabei von
Morgenstern's Worten führen lassen, von Wort zu Wort, von Zeile
zu Zeile. Und nach einigen Monaten des Komponierens erst entdeckte ich
dann das für mich entscheidende Detail: den Großbuchstaben
im letzten Wort. Und auch hier ist mir unerklärlich, wie die
Musik doch selbst in diese Richtung gewollt hat. Es muss eine Quelle
geben, auch wenn ich sie nicht sehen kann.
Aber Christian Morgenstern hat es ja angedeutet:
„...Lieder-Stufen..., auf denen ich zu meinem Ruhme
steige“ und „hochvermessene Hände“ - der
Dünkel, der plötzlich gebrochen ist.
So durfe ich mit ahnungsvoller Hochachtung eine Anleihe für meine
musikalische Arbeit nehmen. Wie auch sonst sovieles in der Welt, das
wir für unser Eigentum halten, das sich aber bei genauerem
Hinsehen als nur geliehen zeigt.
Impulshaft entstanden in mir bildhafte Zustände, die in die Musik
hineinmussten:
Der Tod - wir verdrängen im täglichen Leben
das, was uns allen vorherbestimmt ist, wir wollen uns das lieber nicht
ausmalen, was das wirklich bedeutet. Wir haben auch einige
Vorgänge entwickelt, um unsere Körper vor der Auflösung
in die Welt zu bewahren.
Der Krieg - wir verdrängen im täglichen Leben das, was auch
in unserem Namen unternommen wird, um andere Menschen an ihrem Leben
zu hindern. Wir haben auch eine Menge krumme Gedanken und kaum
überprüfbare Schreckensbilder entwickelt, um diese fatalen
Irrtümer zu entschuldigen.
Der Hunger - wir verdrängen im
täglichen Leben, dass fast ein Siebtel der Menschheit Hunger
leidet, manchmal bis hin zum Tode. Wir haben auch manche
Grundsätze wie etwa den Glauben an die lösende Kraft eines
Wirtschaftswachstums entwickelt, von dem wir lieber vergessen, dass
dieses Instrument zur Deckung unserer Lebensbedürfnisse gar nicht
wachsen soll.
Die Pest - wir verdrängen im täglichen Leben das, was viele
Menschen an wirklich schweren Krankheiten leiden und was davon die
Ursachen sein können; legen wir unsere Hoffnung auf
lebenslängliche Gesundheit lieber einer zweifelhaften Industrie
in die Hände, die uns immer wieder vor neuen Grippewellen zu
ängstigen versucht, um ihren Profit zu steigern?
D I E A P O K A L Y P T I S C H E N R E I T E R
Beim stillen Weinglas saß ich spät und spannte
zerrißne Saiten neu der treuen Geige -:
Da war's, daß mir das harte Haupt des Dante
erschien in meines Römers dunkler Neige:
Als wollte es die Lieder-Stufen höhnen,
auf denen ich zu meinem Ruhme steige.
Und alsobald begann im Zorn zu tönen
mein Saitenspiel von hochvermeßnen Händen
und füllte mein Gemach mit eh'rnem Dröhnen.
Und zucken von irrlichterischen Bränden
zerbarst vor mir die laute Nacht in Stücke,
und von Gespenstern schwoll's aus fahlen Wänden...
Doch wie ich rasch des Worts tollkühne Brücke
nach solcher Schattenflucht zu schlagen strebe,
entweicht es schon und lockt mit neuer Tücke...
Bis endlich in die rinnenden Gewebe
einschlägt des Willens grollende Gewalt
und eins ergreift inmitten seiner Schwebe -:
Mit finstren Stämmen drängt empor ein Wald,
drin Wiesengrund im Dreieck ausgeweitet,
von Klumpen Mondgewölkes überballt.
Doch mehr mein Aug dem Dämmer noch entstreitet:
Vier sattelleere Rosse schau ich grasen
und dunkle Körper unweit hingebreitet.
Sind's Räuber, die die Flucht hierher geblasen?
Ein Mondstrahl gleißt: Dies Haupt verrät ein Weib,
zwei grüne Augen schillern im Verglasen.
Und um dies Haupt welch fürchterlicher Leib!
Nur widerwillig gibt die fahle Nacht sein Bild,
daß keinem es zu treu verbleib'.
Und jäh erkenn' ich, wer hier Rast gemacht -:
Der Tod, der Krieg, der Hunger und die Pest, -
tiefmüde Nachtrast! Nur der Hunger wacht...
Die Greisin kauert Kinn an Knie gepreßt...
Der Krieg, die Stirn am Schwertknauf, atmet schwer,
blutüberronnen noch vom letzten Fest...
In freudelosen Halbschlaf sank selbst Er...
Christian Morgenstern (1871 - 1914)